Netbooks sind von Psion

Es war einmal ein Hersteller von kompakten Organizern. Psios Serie 5 und später der einfachere Revo waren bekannt für ihre kompromisslose mobile Nutzbarkeit, die lange Akkulaufzeit, eine einfache Bedienung und die geniale Klappmechanik, mit der Psions Mini-Computer ohne nach hinten zu kippeln immer sicher standen. Die Größe der Psions lag deutlich unter der von Subnotebooks, aber über der klassischer PDAs. Epochal war das Betriebssystem: EPOC lieferte die Basis für die bevorzugt bei Sony Ericsson und Nokia eingesetzten Handy-Systeme Symbian Series 60 und Series 90. Im Jahr 2000 als Psion noch Marktanteile im Endkundenmarkt vorweisen konnte, brachte Psion einen großen Organizer im Fast-A5-Format mit 640×480 Pixeln und einem auf Farbe angepassten EPOC. Erweitern lies sich das je nach Ausstattung als “Psion 7″ oder “netbook” angebotene Gerät mit einer CF-Karte links und einer PCMCIA-Karte rechts. Geadcht war das Netbook für browserbasierte Anwendungen, Java-Anwendungen und einfache Textverarbeitung und Tabellenkalkulation. Gerade der Fokus auf Java-Applets war eine mobile Interpretation von Oracles Internet-PC.

Fast schon ironisch mutet die Frage an, ob Psion mit dem Netbook zu spät oder zu früh kam. Sicher zu spät für den bereits mit Ende der New Economy abflauenden Java-Client-Hype, zu früh für das erst 2005 beginnende Web 2.0, AJAX und Rich Internet Applications. Psion stellte das Netbook noch eine Weile lang als Netbook Pro mit Windows CE her und widmete sich dann ganz der Herstellung von Mobilgeräten zur Inventurerfassung. Die Lücke schlossen PDAs mit Linux oder Windows CE und Geräte mit Tastatur wurden einige Jahre lang Mangelware. Wer noch von den guten alten Zeiten träumen möchte, wird wie so oft bei Pulster fündig

Für mich begann die Psion-Ära im Sommer 2000 mit (m)einem Revo und endete Ende 2005 mit kaputten Akkus und der Anschaffung eines damals unheimlich hippen Nokia 770, welches mit Maemo unter Linux lief und dank schnell zugekaufter Bluetooth-Tastatur bald den Psion ersetzen konnte. Ironischerweise wurde Nokias Linux-Umgebung Maemo zunächst zeitweise auf Psions Netbook getestet. Kein anderes Gerät ähnelte derart der Zielplattform mit ARM-Prozessor und Touchscreen…

Weil ich um Psion wußte, benutzte ich anfänglich den Term “Billig-Subnotebook” oder “Billigst-Subnotebook” und wechselte erst zu “Netbook” als diese Bezeichnung generisch war. Nun mahnt Psion diejenigen ab, die den Term Netbook für die mit sieben bis zehn Zoll großen Billigst-Klapprechner verwenden. Die Abmahnung kommt reichlich spät, Netbook ist seit Februar zurm Gattungsbegriff geworden und Psion gibt all jenen, die “Netbooks” kommerziell verwerten — also entweder Billigst-Klapprechner verkaufen oder Google Adsense schalten — drei Monate Zeit, sich einen neuen Term zu überlegen. Das klingt nicht nach Abmahnung zur Abzocke, sondern nach wohlbedachter Markenpflege und möglicherweise einem Comeback: Plant Psion das Netbook wiederzubeleben? Werden wir bald einen Mini-Laptop mit Psions genialem Klappmechanismus und Atom-Prozessor erleben? Oder einen ARM-basierten Langläufer, der mit Maemo oder einem Derivat daherkommt?

7 thoughts on “Netbooks sind von Psion

  1. Jann

    Und wieso hast du nicht einfach einen neuen Akku gekauft?
    Psion vertreibt diese bis heute, wie auch, wenn noch auf Lager Netbooks / Organizer zu bekommen sind (oder bis Sommer letzten Jahres waren).

  2. Mattias

    Ich habe in den eigenen Revo, den Revo meiner Freundin und den Revo meines Vaters zwischenzeitlich tatsächlich neue Akkus eingelötet. Das 770 mit BT-Tastatur war zu diesem Zeitpunkt allerdings angeschafft (aus dem Entwicklerprogramm, ich habe Ende 2005/Anfang 2006 die Maemo-Live-CD erstellt), so dass kaum mehr Bedarf für den Psion da war.

    Auch ohne Akkuprobleme hätte der Revo wahrscheinlich um 2005 sein EOL erreicht: Infrarot ist schon für GPRS nicht immer ideal, der auf Opera 3 basierende Browser ist mit modernen Webseiten gnadenlos überfordert und Erweiterungsmöglichkeiten und Schnittstellen fehlen auch.

    Psions waren zu ihrer Zeit geniale Geräte, die Entwicklung ging allerdings weiter, während sich Psion auf Geräte zur Inventurerfassung statt auf den Enkunden konzentriert hat. Ein moderner Psion mit Series 90 oder Maemo hätte sicher seine Berechtigung — aber das ist Träumerei, diese Nische scheint sich nicht zu lohnen.

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